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Das Business hat Gerald Simpson übel
mitgespielt. Doch Idealismus und Begeisterung für die Musik haben ihn
immer weitermachen lassen. In einer Interviewpassage des 95 von John
Akomfrah gedrehten Afrofuturismus-Dokumentarfilms ›Last Angel Of History‹
sagt der Detroiter Techno-Godfather Derrick May über A Guy Called Gerald:
»Innen traurig, außen ein fröhliches Gesicht. Er gab sein Herz und seine
Seele für eine große Plattenfirma, und sie haben ihn ausverkauft«.
Gerald besaß bereits Mitte der Neunziger den Ruf als Innovator von Techno
und Acid-House. Als Gründungsmitglied von 808 State produzierte er u. a.
deren Rave-Hymne ›Pacific State‹ mit, verließ aber bereits 89 die Band,
schrieb den Acid-Hit ›Voodoo Ray‹ und startete eine Solo-Karriere bei
Sony.
Doch dem Major reichte der Erfolg des Soloalbums ›Automanikk‹ nicht. Das
Folgealbum ›High Life, Low Profile‹ wurde auf Eis gelegt – aber Gerald
fing von vorne an und wurde mit der Gründung seines Labels Juice Box zu
einer wichtigen Figur in der noch jungen Londoner Jungle-Szene. Das dort
erschienene Album ›28 Gun Bad Boy‹ und der 95er-Nachfolger ›Black Secret
Technology‹ sind unumstrittene Klassiker des Genres: »Der kommerziellen
Aspekte von Juice Box wurde mir aber irgendwann zu viel, ich habe das dann
abgegeben und mich später ganz von meinem Label getrennt.« Nur, um sich
wieder bei einem Major die Finger zu verbrennen. Das für 1997 geplante
Folgealbum ›Aquarius Rising‹ ging in Folge von internen Querelen bei
Island Records unter. Gerald zog von London nach New York, wo er kurze
Zeit an Bowies Drum’n’Bass-inspiriertem Album ›Earthling‹ beteiligt war.
Danach herrschte erst mal Funkstille. Erst durch die Bemühungen des
Berliner !K7-Labels wurden Teile von ›Aquarius Rising‹ auf dem
2000er-Album ›Essence‹ veröffentlicht.Doch obwohl AGCG am großen
kommerziellen Erfolg irgendwie immer knapp vorbeigeschrammt ist, scheint
er derzeit wieder aktiver denn je: Neben seiner Arbeit als DJ und
Live-Performer plant Gerald, die alten Juice-Box-Klassiker und neue
experimentelle Tracks auf seinem neuen Label Sugoi Recordings
rauszubringen. Beim aktuellen Album ›To All Things What They Need‹ klingt
nicht nur der Titel altersweise, auch die Tracks wirken bereits nach dem
zweiten Hören wie echte Klassiker. Gerald setzt dabei eben eher auf
Songformate, hat Ursula Rucker und Finley Quaye als Gast-Vokalisten
eingeladen und baut mit erprobten Mitteln aus Techno, House und Vocal-Drum’n’Bass
und mit oldschooligen String- und Synthsounds Tracks, die so charmant
klingen und super funktionieren, weil sie eben inzwischen eher retro-futuristisch
an den einzigartig-utopischen Sound der Mittneunziger anknüpfen,
gleichzeitig aber fast schon Popsongs sind. Und wenn Gerald dann im
Gespräch ganz begeistert von neuer Software-Technologie wie Ableton Live
oder Reason redet, bekommt man unweigerlich den Eindruck, dass sich hier
ein leidenschaftlicher Musik-Pionier gerade wieder im Aufbruch zu neuen
Ufern befindet.
Text: Christoph Büscher
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