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A GUY CALLED GERALD: SONGS UND DANCE GEHÖREN ZUSAMMEN | |
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text: Nicolas Höppner, bild: Katja Ruge Es ist Anfang Juni. Ein Balkon einer Hamburger Wohnung in der Abendsonne. Mir gegenüber sitzt ein vom zurückliegenden Interviewtag und dem Zechen in der Vornacht in Köln sichtlich geschaffter, aber dennoch entspannter Typ namens . Sein Wortfluss ist zäh und bedacht, ab und an unterbrochen durch das Schlürfen an einer Tasse frischen Earl Greys. Geralds Art ist freundlich und warm. An einen auf Manchesters Moss Side aufgewachsenen Rudeboy erinnert er nicht im geringsten. Das durch vorherige Interviews mit vergleichbaren Größen des Drum'n'Bass in meinem Kopf geformte Klischee zerplatzt. An seine Stelle tritt die Verwunderung über ie Tatsache, dass A Guy Called Gerald als Teenager Unterricht in klassischem Ballett genoss. Genauso wenig wie man ihm heute eine mit klassischem Tanz assoziierte Expressivität aufgrund seiner kompakten Statur und seines sanften, zurückhaltenden Gemüts zutrauen würde, kann man aus gleichen Gründen kaum glauben, dass dies wirklich der legendäre Typ ist, der 1988 mit „Voodoo Ray” und seinem Mitwirken an 808 States „Pacific State” Acid House quasi über Nacht ein Gesicht verlieh und in der Folge aus der Evolution von Hardcore, Jungle und Drum'n'Bass nicht wegzudenken war. Meine Damen und Herren: Die „Essence” von A Guy Called Gerald! Ist es wahr, dass du in deiner Reaktion auf den ganzen Ärger um deine Production Credits für 808 States „Pacific State”, dem Track „Specific Hate”, erstmalig mit Breakbeats gearbeitet hast? Ja, das stimmt. Vor allem Martin Price mochte keine Breakbeats. Und wie haben sie es aufgenommen? Besser als das, was ich zuvor gemacht habe. Was war das?
Ich habe ein Telefonat zwischen mir und Martin
mit-geschnitten und daraus einen Track gemacht. Das war zu einer Zeit, als
sie mir Geld für die „Newbuild"-LP versprochen haben. Ich hatte auf
Grenada TV gerade gesehen, wie 808 State „Pacific State” als Playback
performten und rief Martin an, um ihm zu sagen, dass er von mir keine
Erlaubnis hatte, das Stück zu spielen. Er maulte zurück, dass ich damit
aufhören sollte, über unseren Streit in Interviews zu reden. Ich sagte,
dass würde ich auch tun, solange sie aufhörten, mein Material zu benutzen.
Er riet mir, mich selbst zu ficken, es sei sowieso das Saxofon gewesen,
das den Track gemacht hat und legte auf. Die schlimmsten Sachen habe ich
dann gesamplet und den Track mit einem weiteren "I Can't Wait No More" -
Vocalsample versehen. Das habe ich ihm geschickt und er war mächtig
angepisst.
Acid House wurde zu der Zeit sehr unmelodiös.
' Breakbeats waren da sehr viel dynamischer, es gab mehr zum Rumspielen
und Melodien spielten immer :eine Rolle. Ich hatte einen Gig im The
Eclipse in Coventry. Ich glaube, es war sogar Grooverider, der dort sehr
frühen Rave Stuff gespielt hat. Noch mit 4/4 Bass Drum und ab und zu einem
"Funky Drummer"-Loop. Jedenfalls gefiel mir die Geschwindigkeit und ich
hatte Angst, mit meinem Acid House-Set die Stimmung runterzufahren. Also
passte ich die Geschwindigkeit an den DJ an und versuchte nachzuahmen, was
ich soeben gehört hatte. Zurück im Studio habe ich dann angefangen, daran
weiter zu arbeiten. Das ist richtig. Aber ich habe in London neulich die-sen Typ getroffen, der die inoffizielle AGCG-Fanpage betreibt (http://homepages.force9.net/king1/). Er hat eine Kopie und ich werde ihn bitten, sie mir zu leihen, damit ich ein digitales Master davon machen kann, um sie vielleicht wieder zu veröffentlichen. Es gibt das Gerücht, du hättest deine Rechte an „Voodoo Ray” für 200 Pfund verkauft, um dir einen neuen Synthesizer leisten zu können. Ist da was dran? Nein, das habe ich schon so oft gehört. Es ist wirklich nur ein Gerücht. Aber ich glaube, es hat seine Wurzeln in dem ganzen Pech, das ich rund um 'Voodoo Ray" hatte. Als es ursprünglich erschien, verkaufte sich die erste 500er Auflage innerhalb nur eines einzigen Tages. Dann übernahm der Plattenvertrieb Red Vinyl die Verteilung der nächsten Auflagen, ging irgendwann angeblich Pleite und die Verantwortlichen verschwanden mit dem übrigen Geld. Ich habe mit "Voodoo Ray" keinen Pfennig verdient. Im Nachhinein hast du ja auch davon gesprochen, „Voodoo Ray” sei verflucht. Dennoch hast du dich immer wieder mit dem Track beschäftigt. Es gab „Voodoo Rage” auf deinem gier Album „Black Secret Technology” und 1997 erschienen unter dem Namen Lisa May Remixe mit dem Titel „The Curse Of Voodoo Ray”. Persönlicher Exorzismus? Es fing damit an, dass „Voodoo Ray” mir meinen Deal mit Sony verschafft hat. Ich arbeitete an meiner Debüt LP „Automanikk” und das Management übte einen enormen Druck auf mich aus, weil sie „Voodoo Ray” unbedingt auf dem Album haben wollten, um es vor allem in den USA besser vermarkten zu können. Ich dachte mir nur: was immer! Das ist meine erste LP und die reden immer noch von diesem Track. Immer und immer wieder. Zum Glück gab mir Rham! (das Label, auf dem „Voodoo Ray” ursprünglich erschien, d.A.) die Möglichkeit, meine Musik zu der Zeit unter Pseudonym in Detroit zu veröffentlichen. Anders hätte ich das wohl nicht überstanden. Mittlerweile mag ich „Voodoo Ray” auch wieder und spiele es sogar live. Aber noch heute kommen Leute zu mir und sagen: ,Wir brauchen davon einen 2Step-Mix!' Lasst es verdammt noch mal doch endlich sein! „Voodoo Ray” ist was es ist! Es muss nicht Speed Garage, 2Step oder irgendetwas anderes sein. Macht doch etwas Neues' Macht doch neue 2Step Musik! Wo wir gerade davon sprechen: Wie gefällt dir 2Step? Ich liebe viele der Vocaltunes. Ich hab sowieso gerade sehr viel für Vocals übrig. Ich könnte heute noch heulen, wenn ich Vocaltracks von Leuten wie Marc und Dego von vor einigen Jahren höre. Das war es, was mich inspiriert hat, mich selbst mit Gesang zu beschäftigen. Momentan glaube ich wirklich, dass es irgendwo einen Gott gibt, der sagt: Songs und Dance gehören zusammen! Für mich addiert Gesang eine Qualität von Energie, die man nicht mit vielen anderen Dingen erreicht. Du solltest für Sony eigentlich noch ein zweites Album namens „High Life, Low Profile” veröffentlichen, doch es ist nie erschienen (einige der Tracks sind jedoch auf der MP3-Sammlung „Cryogenix”, zu beziehen bei www.mp3.com, vertreten). Kannst du deiner schlechten Erfahrung mit einem Major den-noch etwas gutes abgewinnen? Immerhin konnte ich durch Beziehungen die ersten Releases auf meinem eigenen Label Juice Box um-sonst pressen lassen. „Radar Systems”, das letzte Juice Box-Release, ist nun auch schon mehr als zwei Jahre her! Mit meinem Label gab es einige Schwierigkeiten. Mein Geschäftspartner hat versucht, es hinter meinem Rücken an Island zu verkaufen. Ich ging aber davon aus, dass es sich dabei ausschließlich um einen Distributionsdeal handelte. Nach dem ganzen Ärger mit Sony! Anfang der 90er hatte ich mir aber geschworen, nie wieder etwas mit Majors zu tun haben zu wollen. Also gab ich meinen Partner und das Label auf. Kurz darauf musst du auch nach New York gezogen sein. Gab es dafür bestimmte Gründe? Zum einen das Ende von Juice Box. Ich war auf dem besten Weg, wieder betrogen zu werden. Nicht von Island, sondern von meinem Ex-Partner. Außerdem brauchte ich neue Freiheiten. In London wurde ich zu relaxed. Ich habe nicht so hart gearbeitet, wie ich es eigentlich musste. London hat mich nicht mehr stimuliert. Zwei Jahre nach deinem Umzug erscheint nun „Essence”. Würdest du mir zustimmen, wenn ich es in einem positiven Sinne ,oldschool' nenne? Ja, total. Es sollte definitiv mehr als nur eine Sache oder Idee beinhalten. Mir ging es bei "Essence" nicht darum, derjenige mit den smartesten Hosen in der Stadt zu sein. Ich betrachte das Album auch nicht als Meisterstück. Es ist eine Form von Kunst, es sind einfach Songs. "Essence" hat eine Message, aber die hat nichts mit einer Idee von Wettstreit oder ähnlichem zu tun, sondern mit dem Gegenteil. Obwohl „Black Secret Technology” auch seine ausgesprochen ,uplifting' Momente hatte, wirkt "Essence" um einiges zugänglicher und positiver! Ja. Ich habe die Tracks um die menschlichen Stimmen herum gebaut. Das hat einfach zu einem organischeren Sound geführt. Außerdem war viel von der Musik, die mich umgab, als ich die Arbeit an "Essence" aufnahm, ziemlich düster und kantig. Das hat mich echt runter gezogen. Ich brauchte wirklich etwas leichteres. Hat bei „Essence” auch eine irgendwie geartete Idee von Pop eine Rolle gespielt? Nicht wirklich. Ich sehe das nicht als Popmusik. Für mich ist Pop etwas, dass von Majors fabriziert wird. „Essence” ist eine melodische LP mit Vocals. Nur, weil ich meine Tracks nicht aus Drones und mechanischen Rhythmen zusammengebastelt habe, ist es nicht gleich Pop. Wenn es irgendwie als Pop oder kommerziell rüberkommt, liegt es vielleicht an dem Level, auf dem Pop derzeit steht. Ich weiß nicht... Definiert sich Pop denn nur über den kommerziellen Erfolg? Ja, denn das ganze System wird als „Ware” von der Major Industrie ge- und verkauft. Wenn es kommerziell nicht verwertbar wäre, hätten sie auch kein Interesse. Ich bin doch ein klassisches Beispiel. Ich bin nie kommerziell verwertbar gewesen, bis auf einen Track. Und das war bloß ein Unfall. Du hast das Material von „Essence” nun schon mehr-fach live aufgeführt. Unter anderem auch auf dem. Detroit Electronic Music Festival. Wie war es dort? Detroit ist für mich nach wie vor das Mecca. Ich bin zwar schon einige Male dort gewesen, aber ein. Festival dieser Größe zu erleben, hat mich wirklich: berührt. Ich bin froh, dass es passiert ist. Es war so: erfolgreich, dass es nächstes Jahr wieder stattfin- den wird. Detroit braucht so etwas. Und es waren ja nicht nur Techno-Artists da. Ich habe The Roots ge- sehen und sie waren großartig! Was passiert bei dir als nächstes nach „Essence”?
Oh, Bill Laswell hat mich eingeladen, Beats
für das kommende Herbie Hancock-Album zu machen.
Genau eine Woche später. Ein zur Rave-Arena
samt Autoscooter umfunktionierter Sport-komplex namens "Mar Bella" am
gleichnamigen Strandabschnitt Barcelonas. Die erste Nacht des
Sonar-Festivals ist in vollem Gange. In der großen Halle rockt David
Morales und in einem Zirkuszelt beenden Super_Collider gerade ihr
ungestümes Improvisations-Set, dessen Funke diesmal nicht auf das Publikum
überzuspringen vermochte. Mit dem Mittelmeer in Reich-, Riech- und
Sichtweite beginnt A Guy Called Gerald im Rahmen des !K7-Showcases seinen
Live-Auftritt. Auf der Bühne ein Sampler, ein Mischpult, die Sängerin
Heather Maben aus Brooklyn, die die gesamten weiblichen Vocalparts von
"Essence" übernehmen wird (Louise Rhodes, Miss Kier und Wendy Page haben
schließlich eigene Karrieren zu verfolgen) und Geralds Bruder David. Nach
nur wenigen Minuten wird klar, dass A Guy Called Gerald schafft, was die
meisten Acts des Abends nicht erreichten. Für eine flüchtige Stunde
hauchen er und seine Mitstreiter diesem recht uninspirierten Event die
Seele ein, die er so bitter nötig hat. Die Response des Publikums ist
gemessen am zuvor herrschenden Desinteresse enorm, meine Gänsehaut
beizeiten auch. Selbst ein Freund, der seit etwa fünf Jahren nichts mehr
mit Drum'n'Bass anfangen kann, zeigt sich ergriffen. Als Gerald zum
Abschluss "Voodoo Ray" und "Blow Your House Down" von seiner allerersten
EP spielt, erwische ich mich dabei, darauf zu war-ten, dass eine Leuchte
vom Gestänge fällt, der Strom ausfällt oder ein sonstiges Unglück
geschieht. Doch nichts passiert. Der Bann ist gebrochen und wie es
scheint, hat A Guy Called Gerald zur richtigen Zeit mal wieder das
Richtige getan! | |