A Guy Called Gerald - Das Herz In Der Maschine

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A Guy Called Gerald. Seit anno dazumal gespenstert der Künstlername von
Gerald Simpson durch die Geschichte der Clubmusik. Und doch ist er mehr als nur
ein vager Mythos, schließlich gibt es eindeutige Beweise für seine Existenz in
Form von Tonträgern: 1988 "Voodoo Ray". Und für 808 State schrieb er "Pacific
State" - das dokumentiert ein Rechtsstreit mit seiner einstigen Band, an dessen
Ende er als Autor des Stückes anerkannt wurde. Während seines späteren Hin und
Her zwischen über- und Untergrund schrieb er drei Alben, von denen lediglich
zwei veröffentlicht wurden. Das eigentlich zweite wurde von seiner damaligen
Plattenfirma abgelehnt, weil die Absatzprognose nicht stimmte. Jetzt folgt das
vierte Werk: "Essence" (Stud!o K7 / Zomba) - Autoren-Drum'n'Bass.
Gerald Simpson ist ein kleiner Buddha. Er lungert im Trainingsanzug am Tisch
seines Hotelzimmers und stiert auf einen Kristall, als sei dieser seine
spirituelle Mitte. Die Finger huschen fast zärtlich über den Laptop. Gerald
Simpson lächelt gelassen. "Tanzmusik dreht sich für mich persönlich immer mehr
im Kreis. Als ich anfing, konnte man machen, was auch immer man wollte. Heute
ist es eher so, als müsste man sich an ein Regelwerk halten. Das erinnert mich
an meinen Klavierunterricht. Wenn ich eine Note anschlagen wollte, mit der der
Lehrer nicht einverstanden war, schlug er mir mit dem Lineal auf die Finger."
Aus seinem Lachen sprechen gut fünfzehn Jahre Erfahrung. Fünfzehn Jahre,
in denen Simpson meist irgendwo vorne mitmischte in der Clubmusik. Die
Begeisterung für Chicago und Detroit machte aus ihm einen der Acid-House-Pioniere
Englands. Sein frühes Interesse an gebrochenen Rhythmen ließ ihn eines der
ersten Jungle-Alben auf einem Major veröffentlichen. Als Drum'n'Bass explodierte,
produzierte Gerald Simpson bereits nebenher Garage-Tracks. Heute ist er eher
entspannt denn auf dem Weg zu neuen
Ufern. Anstatt nach neuen Mustern zu suchen, schreibt er Songs. Inhalt statt
Form. "Wenn das Werkzeug zum Hauptanliegen wird, neigen wir dazu, den Inhalt zu
vergessen. Dann schafft man etwas, das nur wenige Menschen verstehen können. Es
gibt sicherlich
Menschen da draußen, die wie in 'The Matrix' den Code lesen können. Und es ist
gut, dass es solche Menschen gibt. Aber irgendwann wird es langweilig.
Ich versuche alles von außerhalb zu betrachten, um es als Ganzes zu begreifen, anstatt nur einen DJ zu sehen und zu wissen, in welchem Tempo er auflegt. Dabei vergisst man all die Menschen, die sich extra schick machen, um auszugehen und zu tanzen. Man muss das aus der Perspektive der Alltagsmenschen betrachten, die nicht wissen, was BPM bedeutet. Viele Musiker vergessen, dass ihre Hörer keine Experten sind." In diesen schönen und schlichten Worten lauert der Verdacht auf Sinnfindungsschnock und den Versuch, versäumte Tantiemen einzustreichen. Wer jedoch Gerald Simpsons entspanntes Lächeln vom Typ "Elefantenmama trifft Yodo" sieht, weiß, dass in ihm, wenn auch vielleicht etwas naiv und verträumt, ein ganzes Herz schlägt. "Es ist interessant zu beobachten, wie wir alle herumhuschen und versuchen, etwas Besonderes zu kreieren, und am Ende doch alle den gleichen Weg gehen. Manchmal, wenn wir so herumhuschen, vergessen wir zu beobachten. Ich nehme mir die Zeit, die ich brauche. Selbst wenn das fünf Jahre sind, um ein Album fertig zu stellen." Mit "Essence" schickt A Guy Called Gerald das Frickeltum zu den Komparsen. Vor zwei Jahren hätte das Album formalen Ansprüchen im Drum'n'Bass genügt, heute hat es eben mehr Songschreiber-Attitüde und Seele – 21st Century Soul. Ursprünglich sollte es '95 als "Aquarius Rising" erscheinen, aber die Trennung von seinem Label Juicebox Records, das er Anfang der Neunziger gründete, und ein Umzug von Manchester nach New York zögerten die Veröffentlichung hinaus. "Ich wollte Musik schreiben, die näher an dem ist, was ich wirklich fühle. Der erste Schritt war, mit Sängern zu arbeiten." Auf "Essence" singen u. a. Louise Rhodes von Lamb, Wendy Page und Lady Kier. "Der nächste wird sein, das Instrumentarium, das bisher nur aus Samples und Loops bestand, durch orchestrale Instrumente zu ersetzen. Nicht konventionell, sondern eher so, als würde man elektronische Instrumente imitieren. Damit werde ich das nächste . Projekt beginnen." Gerald Simpson blickt aus dem Fenster und lächelt.
TEXT: MA : K ARRENSMANN - FOTO: FIREFLIES